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Nicht verloren gehen

Die Nacht scheint im Mond nicht mehr so fremd. Ich bin eigentlich in der Nacht Daheim - sie wirkt niemals unbekannt und dunkel auf mich - doch heute im Dunst der schwül-warmen Nacht fühlte ich mich auf dem Heimweg angenehm sprachlos leer und gedankenverloren. Nein, keine Traurigkeit oder Melancholie erfüllte mich. Es war ein tiefes Bewusstsein meines kleinen Daseins, meiner unendlichen Wenigkeit, welche mich überschwemmte. Jedoch nicht schwer und unfassbar überwältigend wie eine Woge; keineswegs. Ich fühlte mich leicht wie eine Feder, wie ein Blatt im Herbst, das vom Wind getragen und immer höher in die Lüfte gehoben wird. Ich war dabei von einer tiefen Ruhe und Zufriedenheit umgeben; in diesem Moment der inneren Stille hätte ich sterben können und dabei das Glück umarmt. Gefühle sind so was von unerklärlich und oft abstrakt!

Ich hätte die ganze Nacht in der Dunkelheit verweilen können. Die Zeit schien sich nicht mehr in Richtung Zukunft zu bewegen. Ich und die Nacht waren in dieser Welt Fremde, welche sich getroffen und zu einem Ganzen in einer wunderbaren Natürlichkeit zusammengefügt hatten. Ich wäre liebend gerne hinauf auf den höchsten der Gipfel gepilgert um die Lichter aller Städte unter mir in völliger Zeitlosigkeit in mich aufzunehmen und einfach nur um in einer erholenden Bewegungslosigkeit zu verharren. Um dieses Gefühl in mir nicht zu verlieren. Doch ein autonomer Rhythmus namens Normalität brachte mich heute und wie schon jeden Tag meines Daseins nach Hause.

Nun sitze ich ohne Licht hier - der Bildschirm lässt gnomenhafte Schatten auf meiner nackten Haut tanzen. Das Leben durchflutet mich. Im Hintergrund die Laute der Welt bei Nacht, eine mystische Klangzeitreise! Ich schreibe; versuche in Worte zu fassen, was in mir geschieht. Der Zauber ist noch nicht  ganz verflogen. Er hat nicht mehr die gleiche Anziehungskraft wie im Freien, doch er ist noch da. Er hat sich gewandelt - ich höre ihn durch meine Blutbahnen rauschen. Er schenkt mir das Gefühl der Freiheit, welche ich nicht besitze. Zeit! Wenn die Zeit nicht diese Begrenzung der Endlichkeit kennen würde, verlöre sie jeglichen Reiz des Kostbaren. Diese Intensität des eigenen Ichs so überraschend unangekündigt zu erfahren wünsche ich allen Menschen. Nur, man muss sie ertragen können - und diese zulassen, ist eine Frage der Erfahrung. Ich weiss, dass sie einem die Gefühle des Unfassbaren wie auch der Angst einflössen kann, aber auch derjenigen des unmöglichen Glücks. Es ist wie mit allen Dingen im Leben, welche unbekannte Formen zeigen und in keinen klaren Grenzen eingebettet sind.

Tasten, fühlen, hochsteigen, abstürzen - lernen. Lernen, was für Möglichkeiten solche Flüge durch das nicht erklärbare Nichts bieten. Ich bereise immer wieder diese beschriebenen Welten und lerne, lasse mich treiben, lasse zu, was zugelassen werden möchte. Vergesse, was vergessen werden möchte, gewähre Einlass, was um Einlass bittet. Keine herkömmliche Zeit stört diese Harmonie, welche scheinbar ohne erklärtes Ziel in diesem Universum dahingleitet und mir ein Gefühl der vollkommenen Gelassenheit und Ruhe schenkt. Nur die Nacht und ihre Einsamkeit ist fähig, mich so an den Händen zu nehmen und mich  entfliehen zu lassen in eine Dimension fernab der Realität. 

Warum denke ich dabei an Dich? Warum schreibe ich Dir in solchen Momenten Zeilen, welche Dich niemals erreichen werden, da sie in Deiner begrenzten Welt keinen Platz finden? Ich weiss es nicht. Vielleicht, weil ich die Gewissheit besitze, dass auch Du diese Sehnsucht in Dir nährst. Nur, vielleicht hast Du während den Jahren Deines Daseins durch alle Dir gesetzten Grenzen und  dem Bewusstsein des Begriffs 'Zeit' verlernt, diese fern scheinenden Welten in Dir und um Dich zu erkennen und Dich ihnen hinzugeben.

Ich wandere wohl auch auf dem Weg namens Vergessen. Ich decke mich ein und zu mit allen alltäglichen Erwartungen meiner selbst und meiner mitmenschlichen Umwelt. Finde keine Zeit mehr, dem Ticken meiner inneren Uhr zu horchen und loszulassen. Darum - gerade heute - bin ich nicht gewillt der mir von aussen gesetzten Normalität zu weichen und meinem Verstand zu folgen, welcher mich ermahnt den Schlaf zu suchen um dem morgigen Tag und meiner Umwelt zu genügen. Ich werde mich der Melodie der Ewigkeit hingeben und die Eindrücke meines Körpers in gemeinsamen Rhythmus mit meiner Seele wachend erleben. Meine Wenigkeit ist ein Teil dieses Ganzen und ich habe die Gewissheit nicht verloren zu gehen.

In tiefer Verbundenheit gute Nacht, träume sanft von Glück und Liebe – und den Offenbarungen des Lebens.

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