Was
ist Liebe?
Was ist Liebe? Diese
Frage lässt mich seit einiger Zeit nicht mehr los. In so manchen Momenten
der Ruhe, in welchen ich auf mich zurückgeworfen bin, sinniere ich darüber
nach.
Kann ein Mensch, in der
Mitte seines Lebens stehend, keine neue Liebe mehr empfinden können oder
wollen? Die Frage drängt sich auf, hat er je wirkliche Liebe empfunden?
Kennt er das Gefühl in seinem tiefsten Innern, welches ihn dermassen
beflügelt, sodass es ihn die Welt umarmen lässt, ihm eine Ausstrahlung
verleiht, welche seine Umwelt betört, ihm ohne sein wirkliches Zutun Erfolge
beschert, ihn so verzückt, dass er sich unsterblich fühlt, ihm soviel
Energie zuführt, dass er sich noch nie wacher und leistungsfähiger fühlte,
er noch nie so viele alltägliche Kleinigkeiten wahrgenommen hat, die ihm so
schön und einzigartig erscheinen, er das Wort Vorfreude mit jedem Tag neu
definiert, ihn Sehnsucht mit Leichtigkeit jede Missstimmigkeit im Alltag mit
einem Lächeln überbrücken lässt, in ihm eine solche Leidenschaft und
sinnliche Erotik entfacht, die ihm eine unbeirrbare Zuversicht und wohlige
Wärme schenkt, ihm soviel Kreativität verleiht, welche ihn staunen lässt, …
all dies und noch vieles mehr sich als Lebensgefühl im Laufe der Zeit in ihm
verankert und er spürt, dass er dies braucht, wie die Luft zum Atmen.
Hat er dieses
Lebensgefühl schon jemals wirklich erfahren? Wird er jemals? Und wenn, ist
er bereit, das Gewohnte und doch nicht Erfüllende aufzugeben, die gewohnten
Pfade seines bisherigen Lebens für Neues und Ungewisses zu verlassen?
Wenn nein, werden ihm
all diese Offenbahrungen verwehrt bleiben und er wird eines Tages im Herbst
seines Lebens vielleicht wehmütig an diese vertane Chance denken und tief
bereuen, sie nicht wahrgenommen zu haben. Sie nicht geliebt zu haben,
mit all seinen Sinnen und Möglichkeiten. Denn, sie liebte ihn; eine
dieser wenigen, raren „Lieben“, welche sie das ganze Leben begleitete
und für welche sie in ihrem Herzen einen festen, geborgenen Platz
eingerichtet hat, welchen sie immer wieder besuchte, sehnsuchtsvoll,
mit einem Lächeln auf ihren Lippen beim Gedanken an Momente mit ihm.
Schwermütig beim Gedanken, dass sie schon früh wusste, dass er nie bereit
sein würde, diese Liebe, diesen Weg mit ihr zu beschreiten und doch voller
Hoffnung, dass sie sich doch irren könnte.
Werden wir nicht alle
einmal im Herbst unseres Lebens bereuen, einen liebenden Menschen nicht
wiedergeliebt zu haben. Auch ich werde wohl davor nicht verschont bleiben.
Was ist Liebe,
frage ich Sie nun lieber Leser? Ein unentbehrliches Lebensgefühl, doch eine
Illusion, für die Ewigkeit, am Ende Betrug, oder doch eine stete
Energiequelle? Eines weiss ich, Liebe und Schmerz liegen sehr nahe
beieinander. Und doch, der Mensch hört nicht auf zu lieben und das - ist gut
so.
27. Mai 2006